Ein sommerliches Vergnügen

2018-09-10T10:20:20+00:00

Es sind demnach die Beziehungen von Malerei und Skulptur im Oeuvre einiger Protagonisten der Moderne sehr unterschiedlich einzuschätzen. Das macht für den Betrachter die Spannung der von Jean-Louis Prat kuratierten Ausstellung aus, die derzeit im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, einen Zeitraum vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die unmittelbare Gegenwart umfassend, Bilder und Plastiken von Degas und Daumier bis zu Lüpertz und Baselitz einander konfrontiert. Die Schau bietet das sommerliche Vergnügen von Übungen im vergleichenden Sehen. Wobei in manchen Fällen der Stellenwert der Plastik im Gesamtwerk leicht und klar zu erkennen, in anderen eher strittig ist.

Unbestreitbar ist die Eigenständigkeit der Bildhauerei vor allem von Picasso, Max Ernst und Cy Twombly. Auch wenn bei der Auswahl für die Arbeitsweisen Picassos durch die Entscheidung für gemalte oder aus Eisenblech geformte Porträts von Frauen eine Verwandtschaft der Motive betont wird, steht die Autonomie der Skulpturen derjenigen der Bilder nicht nach. Picasso zeigt sich eben auch hier, vor allem in der Fähigkeit, die Formen seiner Figuren abzuleiten aus der je besonderen Einlassung auf den Werkstoff, wieder als der souverän dominierende Alleskönner seiner Epoche.

In schöner Ausführlichkeit wird der Surrealist Max Ernst zur Geltung gebracht: sowohl mit Bildern aus den zwanziger Jahren, verwegenen Traumgesichtern von großer kompositorischer Sicherheit, als auch vor allem mit der aus Mannheim ausgeliehenen, mehrteiligen Bronzearbeit “Capricorn” (von 1948), einem Herrscherpaar aus einer Welt jenseits des Taghorizonts. Gemeinsam ist den Bildern und den Skulpturen Ernsts ihr Aufsteigen aus einer Gegenwelt des Phantastischen. Wie die zarten Stelen Cy Twomblys, seltsamen Denkmälern gleich, so eigenmächtig sie sind, mit den Bildern des Malers deren Fragilität, die Flüchtigkeit verwehender Zeichen teilen.

Ein wenig problematisch ist der Einstieg in ihr Thema, den die Ausstellung mit Hilfe Giacomettis gewinnen will. In seinem Fall kehrt die Beziehung sich um: Wir sehen nicht den Maler als Plastiker, sondern den Plastiker als Maler und Zeichner. Denn zweifellos hat Giacometti sich ja Ruhm und Bedeutung gewonnen zumal als Schöpfer der stehenden und schreitenden Figuren, die in ihrer Gefährdung zum Signalement einer real- wie geistesgeschichtlichen Epoche wurden, der Jahre des Existentialismus nach dem Zweiten Weltkrieg. Die graphischen Arbeiten und die Malerei haben das plastische Werk Giacomettis stets begleitet und sind reizvoll für den Vergleich der veränderten Wirkung, die durch die Umsetzung von Motiven der Skulptur auf die Fläche des Zeichnungsblattes oder der Leinwand entsteht. Dennoch sind die bronzenen Figuren von größerer Präsenz.

Museum Frieder Burda, Baden-Baden: bis 26. Oktober.

www.sammlung-frieder-burda.de

6. August 2008, Frankfurter Rundschau online