ENTDECKUNG EINER DAUMIER ZEICHNUNG AUF HOLZ AUS DEM JAHR 1868

2018-09-11T17:58:29+00:00

Bei der Arbeit am Daumier Register gibt es gelegentlich Zufälle, die es wert sind, die erarbeiteten Informationen nicht wie üblich kommentarlos dem Register hinzuzufügen, sondern aufgrund ihrer Bedeutung in Form einer separaten Mitteilung wie dieser allen Daumierfreunden gesondert zugängig machen.

Es geht um die bekannten Holzschnitte DR 6029 und 6032

(DR 6029 – Holzschnitt)

(DR 6032 – Holzschnitt)

Dieses Jahr bemerkten wir in der Daumier-Ausstellung des Kunsthauses Zürich eine lavierte Kreidezeichnung auf Holz mit weisser Grundierung (Katalog S. 76/77) mit dem Titel “Au Bal Masqué”. Auffallend, und für eine lavierte Kreidezeichnung von Daumier einmalig, war, dass sie auf einem Original-Holzstock gearbeitet war, der eigentlich zum Drucken hätte benutzt werden sollen (DR6029).

(6029 – Zeichnung)

Dank der Mithilfe der Kunsthauses Zürich konnten wir feststellen, dass es sich um einen aus mehreren Teilen bestehenden Holzstock handelte, der auf der Rückseite den Prägestempel von Kieszling zeigte, dem Pariser Lieferanten für Buchsbaum Holzstöcke. Üblicherweise zeichnete Daumier seine Darstellung direkt auf diese gestempelten (punziert) und nummerierten (hier mit B 284 Paris) Holzplatten. Diese wurde anschliessend vom Holzschneider graviert, um sie dann in Zeitungen wie Le Monde Illustré zu veröffentlichen. Bei diesem Vorgang ging die Zeichnung durch die Schneideabeiten verloren.

Im Jahre 2003 gelang es uns, in Paris den Original-Holzstock dieser Darstellung auffindig zu machen, von dem seinerzeit im Jahr 1868 die Zeitungsversion gedruckt worden war.

 

(6029 – Holzstock)

Darüber hinaus haben wir in unserer eigenen Sammlung von dieser Darstellung je einen Druck auf Japan und China Papier, welcher im Jahre 1920 von demselben Originalholzstock von Meynial nachgedruckt worden war.

(DR 6029 – Meynial Nachdruck)

 

(Eine Einführung in die Thematik der Meynial Drucke, siehe hier unseren Artikel ).

Weder in der Version des “Monde Illustré”, noch in jener auf Japan- und Chinapapier oder auf dem Originalholzstock sind Risse im Holz erkennbar, die in den Drucken sichtbar geworden wären. Die Zeichnung wurde wahrscheinlich anfangs1868 von Daumier auf dem Holzstock entworfen; der Druck in “Le Monde Illustré” erfolgte am 22. Februar 1868, und die Nachdrucke auf Japan- und Chinapapier folgten im Jahre 1920. Wir sahen die verschraubten Druckplatten noch wie erwähnt im Jahre 2003, und sie waren einwandfrei.

Betrachtet man jetzt die Zürcher Zeichnung, so stellt sich die Frage, aus welchem Grund Daumier auf einem Original Kieszling Holzstock eine Zeichnung entworfen haben sollte, welche anschliessend nicht sofort vom Graveur, in diesem Fall Etienne, bearbeitet wurde.

Es müsste daher wohl logischerweise zwei Holzstöcke mit identischen Darstellungen gegeben haben, wobei nur einer als Basis für die Drucke diente, während der zweite als Zeichnung bestehen blieb.

Wäre es denkbar, dass Daumier zweimal eine identische Zeichnung hergestellt hätte? Oder handelte es sich möglicherweise bei der Zeichnung um eine Kopie?

Die sich heute in Schweizer Privatbesitz befindende Zeichnung wurde in den vergangenen 140 Jahren mehrfach ausgestellt und stammt ursprünglich aus der bekannten Sammlung Rouart (1833-1912). Eine Untersuchung zeigte keine zeichnerischen Unterschiede zum Druck; wir entdeckten aber folgende Unregelmässigkeiten in der Zeichnung: am rechten Oberschenkel des Mannes ist eine feine Linie zu erkennen, die wie ein Haarriss im Holzsstock aussieht.

Ein weiterer Riss bzw. eine schlecht angepasst vertikale Fuge erkennt man in der Mitte der Darstellung. Ein Hinweis darauf, dass die beiden Holzplatten, aus denen der Stock besteht, schlecht zusammengeschraubt waren bzw, dass das Holz „gearbeitet hatte“ und sich die Blöcke voneinander gelöst hatten.

Es ist anzunehmen, dass diese Holzfehler in der Zeit zwischen dem Entstehen der Holzzeichnung und der Gravierung entstanden sein könnten. Der Editeur hatte daraufhin entweder Daumier selber oder einen seiner künstlerischen Mitarbeiter beauftragt, auf Basis des beschädigten Holzstocks die fertige Zeichnung abzupausen und auf einen neuen, unberührten Kieszling Holzstock zu übertragen (ein Vorgang, der bei Druckplatten aus Holz aber auch bei Lithographiesteinen in dieser Zeit durchaus üblich war).

Nach dem Übertrag der Zeichnung auf einen neuen Druckstock, wurde dieser dem Holzschneider zur Bearbeitung übergeben. Es entstanden die bekannten Zeitungsdrucke im selben Jahr (1868) und perfekte Nachdrucke von diesem Stock auf China und Japan Papier im Jahr 1920.

Durch Zufall haben wir soeben zum zweiten Mal einen identischen Fall erlebt, und zwar bei DR 6032.

 

 

 

(Vorderansicht der Zeichnung auf Holzstock)

 

(Rückseite der Zeichnung auf Holzstock)

 

Bei diesem Holzstock lief ein Riss (Kratzer) quer durch die Darstellung, sodass der Drucker diesen Stock, auch von Kieszling punziert und nummeriert, unmöglich benutzen konnte. Darüber hinaus hatten sich bei der Zeichnung zwei der vier verschraubten und verklebten Holzsegmente von einander gelöst, was im endgültigen Druck nicht sichtbar ist. Folglich dürfte auch hier ein Übertrag auf einen neuen Holzstock mit anschliessendem Holzschnitt durch Etienne stattgefunden haben.

Die beiden erwähnten Holzstockzeichnungen sind ungewöhnliche und besonders seltene Beweise für die Schwierigkeiten, mit denen die Drucker des 19. Jahrhunderts bei ihrer Arbeit konfrontiert waren.

Es ist durchaus möglich, dass noch eine dritte Zeichnung dieser Art auf einem ‚beschädigten’ Druckstock existiert. Sie wurde in der Daumier Retrospektive von 1878 bei Durand-Ruel in Paris ausgestellt. Im Katalog figuriert sie unter dem Titel ‚Le Déjeuner au Salon’, dessin sur bois, Nummer 237. Der damalige Besitzer war M.A. Petit. Bedauerlicherweise ist uns der Verbleib dieser Zeichnung nicht bekannt. Bruce Laughton (‘H. Daumier’, Yale U.P. 1996. p. 151) erwähnte sie im Jahre 1996 zum letzten Mal, ohne sie jedoch gesehen zu haben.

In jedem Fall sind diese beiden bisher einzig bekannten noch existierenden Holzstöcke als äusserst selten zu bewerten und in ihrer Art einmalig. Beide Exemplare befinden sich in der Schweiz und werden gelegentlich bei Daumier Ausstellungen der Öffentlichkeit gezeigt. DR 6032 wird vom 23. Nov. 2008 bis 15. Feb. 2009 an der grossen Daumier Ausstellung des Seedamm – Kulturzentrums in Pfäffikon (bei Zürich) zu sehen sein. Ein Termin, den man sich im Kalender eintragen sollte!