Karikaturisten lebten schon immer gefährlich

2018-09-10T10:37:53+00:00

Vor 200 Jahren wurde Honoré Daumier geboren. Er galt als Handwerker und war doch ein genialer Künstler

Karikaturen sind ein Stiefkind der Kunstgeschichte. Sie gelten als Gebrauchsgrafik – für den Tag gemacht und am nächsten schon wieder vergessen. Selbst ein Großmeister wie Honoré Daumier, der heute vor 200 Jahren zur Welt kam, hat zeitlebens darunter gelitten, dass er nur als “Handwerker” galt. Die 4000 Lithografien, die seinen Ruhm begründeten, hat er als drückende Lohnarbeit empfunden. Er wollte malen. Erst 1878, wenige Monate vor seinem Tod, kam eine Pariser Galerie auf den Gedanken, ihm eine Ausstellung zu widmen. Aber damals war er schon fast blind und zu krank, um sein Häuschen in Valmondois zu verlassen. Seine Aufnahme in das Pantheon der Kunst hat er nicht mehr erlebt.

Der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe hat Daumier “Delacroix’ reifste Frucht” genannt. Der Vergleich mit dem Theatraliker des romantischen Überschwangs scheint zunächst abwegig. Doch wenn man genauer hinschaut, sind die formalen Gemeinsamkeiten in der Tat frappierend: der flackernde Strich, der Sinn für die hochdramatische Geste, die Vorliebe für das Groteske. Nach Herkommen und Lebensstil könnte der Unterschied zwischen beiden freilich kaum größer sein. Delacroix war ein Weltmann; Daumier stammte aus kleinen Verhältnissen, aus denen er sich nie hat lösen können. Das Haus in der Pariser Banlieue verdankte er der Großzügigkeit seines Freundes Corot, der es heimlich kaufte, als er die Miete nicht mehr aufbringen konnte. Seine Beerdigung wurde aus öffentlichen Mitteln bezahlt.

Daumier stammte aus Marseille, wo sein Vater Bilder rahmte und Fenster verglaste. Der Glaser strebte nach Höherem: Er zog nach Paris in der Hoffnung, die Hauptstadt als Dichter zu erobern. Doch die Theater wollten von seinen Versdramen nichts wissen. Um die Familie über Wasser zu halten, musste der Zwölfjährige dazuverdienen. Als Laufbursche lernte er die Welt der Justiz kennen, die er später so glanzvoll verspotten sollte. Mehr als rudimentären Malunterricht hat er nie genossen. Stattdessen erlernte er bei einem Graveur die neue Technik der Lithografie, die es den Zeitungen erstmals erlaubte, ihre Artikel zu illustrieren. Der Zeichner Charles Philipon, der Erfinder der Birne, des satirischen Kürzels für den “Bürgerkönig” Louis Philippe, gründete nach der Juli-Revolution von 1830 die Zeitschrift “La Caricature” und zwei Jahre später “Le Charivari”. Sie wurden Daumiers künstlerische Heimat.

Dass sein neues Gewerbe nicht ganz risikolos war – diese Erfahrung blieb ihm allerdings nicht erspart. 1832 wurde Daumier, nachdem er Louis Philippe als Vielfraß verhöhnt hatte, wegen Majestätsbeleidigung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Dennoch war Paris, verglichen mit Deutschland und Österreich, ein relativ tolerantes Pflaster. Kein Wunder, dass es Heinrich Heine, Karl Marx und andere deutsche Querdenker an die Seine zog. Die politische Karikatur blühte – bis 1835, als der Korse Joseph Fieschi versuchte, den König mit einer selbst gebastelten Höllenmaschine in die Luft zu jagen. Louis Philippe wurde nur leicht verletzt, doch elf Personen starben. Die Zensur wurde drastisch verschärft.

Nach der Revolution von 1848 brach ein neues Goldenes Zeitalter für die politische Karikatur an. Daumier erfand Ratapoil, einen zotteligen Gentleman mit Zylinder, Stock und imperialem Schnurrbart, in dem die Zeitgenossen mühelos den nach der Macht greifenden Neffen Napoleons erkannten. Nach dem Staatsstreich des “Prince-Président” im Jahr 1851 wurde die Zensurschraube wieder angezogen. Wie schon in der Julimonarchie musste sich Daumier auch im Zweiten Kaiserreich damit begnügen, statt der Machthaber die Stützen der Gesellschaft durch den Kakao zu ziehen. Sie kamen alle an die Reihe – die eitlen Advokaten, die schläfrigen Richter, die zynischen Ärzte, die Bürokraten, die Börsianer, die Kokotten, das Theaterpublikum auf den billigen Plätzen, die Reisenden in der Eisenbahn und natürlich auch die Journalisten.

Wie sein Namensvetter Balzac in der “Comédie humaine” schuf Daumier ein unerschöpfliches Panoptikum des 19. Jahrhunderts, über das wir immer noch lachen können. Die Treffsicherheit hat nicht zuletzt mit Daumiers Talent zu tun, Charakterzüge ins Anatomische zu übersetzen. Seine Spießbürger, schreibt Meier-Graefe, “haben die Gemeinheit nicht nur in jeder Falte und Runzel, sondern auch in den Gliedern, in den Knochen. Sie grinsen auch mit dem Bauch unter der geschwollenen Weste.” Zu Beginn seiner Karriere näherte sich Daumier den Zielscheiben seines Spotts, indem er zunächst Miniaturen aus bemaltem Ton von ihnen anfertigte. Die Büsten gehören heute zu den Perlen des Musée d’Orsay.

Daumiers Spott über die satten Bürger des “juste milieu” wäre vielleicht weniger bissig ausgefallen, wenn er selbst an den Segnungen ihres Materialismus teilgehabt hätte. Uns mögen seine Karikaturen eher gemütvoll vorkommen. Aber die Abonnenten des “Charivari” nahmen oft Anstoß. Das behauptete jedenfalls Philipon, der Herausgeber, als er Daumier 1860 entließ. Erst 1863, nach Philipons Tod, wurde Daumier wieder eingestellt. Die Entlassung stürzte ihn in finanzielle Nöte. Zugleich begrüßte er die Gelegenheit, sich endlich seiner Malerei hingeben zu können.

Schon 1848 hatte er sich, als die Republik ein Symbol für die neue Staatsform suchte, an der Ausschreibung beteiligt. Seine Ölskizze einer nackten Frau mit zwei Kindern, die an ihren Brüsten saugen, ist ein typisches Beispiel für seinen Malstil – Monumentalität des Konzepts bei Beschränkung auf das Wesentliche. Damit erzielt er unheimliche Wirkungen: Seine “Wäscherin”, die mit ihrem Kind vom Seine-Quai emporsteigt, wirkt wie eine danteske Figur aus der Unterwelt. “Ecce homo” lässt uns mit einer einzigen Geste die Demagogie spüren, die das Volk Jerusalems dazu brachte, die Freilassung des Barrabas zu fordern und Jesus zu opfern.

Als der Maler Charles-François Daubigny zum ersten Mal unter der Decke der Sixtinischen Kapelle stand, murmelte er: “Daumier!” Wollte er damit sagen, dass Daumiers Karikaturen etwas Mythologisches haben, etwas Dämonisches, das Michelangelo näher steht als den Tenören des Salons, die auf ihren zeichnenden Kollegen herabsahen? Er hätte so unrecht nicht. Inzwischen haben sich die Verhältnisse umgekehrt: Während die Delaroche, Meissonnier und Bouguereau als “pompiers” belächelt werden, gehört Daumier zu den am fleißigsten gefälschten Künstlern – das aufrichtigste Kompliment, das die Nachwelt zu vergeben hat.

Die Welt online – 6. Februar 2008, 04:00 Uhr

Von Jörg Von Uthmann